Themenschwerpunkt
„Worauf ist noch Verlass? – Vertrauen – Autorität – Freiheit“
Werte, Ethik, Vertrauen – bislang in Wirtschaft und Politik eher geringschätzig betrachtete Begriffe – erleben eine auffällige Renaissance. Der Glaube an Nutzdenken und Zahlen dagegen ist brüchig geworden. Die wirtschaftlichen Turbulenzen 2008/09 haben deren relativen Wert verdeutlicht. Während ‚draußen‘ in der Berufswelt scheinbar unerschütterliche Großorganisationen aus Bankenwelt und Wirtschaft unter Zerstörung unschätzbaren Kapitals zerfallen, wächst bei Individuen das Gefühl von Unbehaustheit. Dem entspricht im Privaten die verbreitete Suche nach sozialer Verlässlichkeit, inneren Werten und spirituellem Halt.
Nachdem sich die Stiftung in den Jahren 2006 bis 2009 mit „Zustand und Zukunft der gesellschaftlichen Mitte in Deutschland“ befasst hat, wollen wir nun mit neuem Blick nach Begriff und Potenzial von ‚Sozialkapital‘ fragen: Wie steht es um die inneren Bindungen zwischen dem Einzelnen und seiner Umgebung oder Nachbarschaft? Was hält Bürger und Staat zusammen? Welche gesellschaftlichen Grundüberzeugungen sind für Markt und Volkswirtschaft erforderlich?
Ein Begriff wie ‚Vertrauen‘ als Bindeglied zwischen Individuen und Gemeinwesen gewinnt vor diesem Hintergrund an sozialer und politischer Bedeutung – oder gewinnt sie zurück, wenn wir an bereits klassische Konzepte von Niklas Luhmann („Vertrauen“) oder Pierre Bourdieu („soziales Kapital“) denken. Auf eine Renaissance dieses Ansatzes lassen Vorträge und Thesen wie die folgenden aus dem ‚Krisenjahr 2008‘ schließen: Bundespräsident Horst Köhler: „Erfolgsgrundlage Vertrauen“ (Max-Weber-Preis für Wirtschaftsethik); Bundesfinanzminister Peer Steinbrück: „Sicherheit geben. Wieviel Vertrauen in den Markt?“ (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft); Prof. Jürgen Strube: „Knappe Ressource Vertrauen – Was wird aus der Sozialen Marktwirtschaft?“ (16. Schönhauser Gespräche), etc.
Grundsätzlich kann man hypothetisch von einer natürlich gegebenen Bereitschaft des Menschen zu Vertrauen, Engagement, Bindung ausgehen. Vertrauen als „Mechanismus zur Reduktion sozialer Komplexität“ (Luhmann) gehört wohl zur anthropologischen Grundausstattung des Menschen. Für anhaltende Einsatzbereitschaft und Bindungswillen, auch bei Jüngeren, sprechen surveys wie die Shell-Jugendstudie oder die kontinuierlich wachsende Zahl von lokalen Bürgerinitiativen und (Bürger-)Stiftungen.
Was sich indes ändert und was nachdenklich stimmen sollte, sind Art und Reichweite von Engagement und sozialem Vertrauen: Einerseits nimmt die Bindekraft gesellschaftlicher Großorganisationen – der Gewerkschaften, Parteien, Kirchen – kontinuierlich ab (Franz Walter). Den neuen Formen sozialen Engagements – Bürgerbewegungen und -initiativen, private Schulgründungen u. Ä. – gelingt es dagegen in deutlich geringerem Ausmaß, soziale Schichten zu überbrücken. Dem könnte eine andere Beobachtung entsprechen: Sozialvertrauen setzt heute offenbar weniger auf der nationalen Ebene als auf der lokalen Ebene an. Das Interesse an Gesellschaft und Politik in der Heimatstadt und -region hält an, ablesbar auch an der Entwicklung des Zeitungsmarktes; Anteilnahme an nationalen Fragen dagegen scheint vielerorts zu sinken.
Durch seine traditionell fächerübergreifende Anlage sowie den internationalen Blick soll das 30. Sinclair-Haus-Gespräch im Frühjahr 2010 eine erste Zwischenbilanz dieser auffrischenden Debatten zum Thema „Vertrauen“ ziehen, denkbare Forschungsansätze aufzeigen und besonders wichtige Adressaten politischen oder gesellschaftlichen Handelns in fruchtbaren Dialog miteinander bringen. In den Jahren 2011 und 2012 sollen dann die Begriffe „Autorität“ und „Freiheit“ näher betrachtet werden.
Weiterhin werden Teilaspekte des Themas im Rahmen der Berliner Salongespräche der Herbert Quandt-Stiftung ‚Gedanken zur Zukunft‘ verhandelt werden.
Schließlich wird die Herbert Quandt-Stiftung in Kooperation mit dem Institut für Demoskopie Allensbach eine wissenschaftliche Studie zum Thema "Vertrauen und Gesellschaft" erarbeiten und öffentlich präsentieren.





